Tatort Social Media: Von Twitter, Beleidigungen und Duellen

Geschrieben von K. Kopp am . Gepostet in Digital.

Manche können sich sicher noch ganz gut daran erinnern, wie sich während ihrer Studentenzeit meistens samstags oder sonntags vormittags in schönen alten Villen etwa ein- bis zweihundert Männer aller Altersgruppen in mal gut, mal weniger gut sitzenden Anzügen, bunten Bändchen um die Brust und lustigen Mützen auf dem Kopf versammelt haben, um einem blutigen Spektakel beizuwohnen.

Das passiert heutzutage immer noch: Wer nämlich in Kreisen schlagender Studentenverbindungen allzu sorglos die Grenzen der Beleidigung auslotet, braucht sich nicht zu wundern, wenn ihm von ehrenkäsigen Verbindungsstudenten das eine oder andere mal eine eingerissene Visitenkarte übergeben wird und er damit kontrahiert ist, also aufgefordert, ehrwiederherstellende Genugtuung zu geben. Dies geschieht durch die Persönliche Contrahage, die heute mit gemäßigt gefährlichen Hiebwaffen gefochten wird, umgangssprachlich Duell und offiziell Verabredungsmensur heißt. Pistole oder Säbel, das war früher, ganz früher, bizarr bleibt die Prozedur trotzdem.

Ausweichen lässt sich der Contrahage nach den ungeschriebenen Regeln des Comments aus längst vergangenen Zeiten allerdings dadurch, dass sich der Kontrahierte für seine beleidigenden Äußerungen entschuldigt und sie zurücknimmt. Darüber kann gegebenenfalls auf Antrag des Beleidigten auch ein Ehrengericht befinden. Ansonsten gibt es nur eine Möglichkeit: Fechten! Wer ficht, braucht sich nicht zu entschuldigen. Was das jetzt mit Twitter zu tun hat?

Nun, in einer ähnlichen Bredouille -entschuldigen oder den Kopf hinhalten- steckte dieser Tage in Malaysia der Blogger Fahmi Fadzil. Eine unbedachte Beleidigung auf Twitter hat ihn in die unangenehme Situation gebracht, sich bei dem Opfer -dem Arbeitgeber seiner Freundin, die schlecht zu behandeln er ihm vorgeworfen hatte- mit nicht weniger als 100 (gleichlautenden) Tweets in drei Tagen entschuldigen zu müssen:

„I’ve defamed Blu Inc Media & Female Magazine. My tweets on their HR Policies are untrue. I retract those words & hereby apologize.“

Zwar meldet die SZon, Fahmi Fadzil sei dazu verurteilt worden, aber dem ist nicht so. Die etwas befremdlich wirkende Strafe ist tatsächlich Inhalt eines außergerichtlichen Vergleichs. Bevor die Sache mit den scharfen Waffen des Gesetzes im Gerichtssaal auszutragen gewesen wäre und ihm vermutlich ernsthaftere rechtliche Blessuren eingebracht hätte, hat sich Fahmi Fadzil entschuldigt und die Beleidigung zurückgenommen.

Nun sind die Hochzeiten des Duells ebenso vorbei wie die der anachronistischen Vorstellung von jungen Studenten, die ihre Ehre selbst mit der commentfähigen Waffe verteidigen. Dennoch hilft ein Blick in die Ehrenordnung der Kösener Corps, den traditionsreichsten unter den Studentenverbindungen. Sie enthält in den §§ 63 f. eine recht interessante Regelung zur Art der Entschuldigung, deren zugrundeliegender Rechtsgedanke in dem hier vorliegenden Fall sicherlich auch vergleichsleitend war: „Schriftliche Beleidigungen sind durch eine vom Beleidiger zu unterzeichnende Erklärung zurückzunehmen. Bei öffentlichen Beleidigungen bestimmen (sich) Art und Inhalt der Veröffentlichung nach Lage des Falles.“

Nun stellt sich die Frage, ob ganze 100 Tweets nicht ein wenig unverhältnismäßig sind angesichts eines einzigen Beleidigungs-Tweets. Dies sieht etwa ein Bekannter des Delinquenten so, der malaysische Blogger Niki Cheong:

„For me, I think 100 tweets is an overkill. Look, we get the point. He defamed you and now he needs to apologise. We don’t need to read it 100 times. (…) If Blu Inc (Anm.: Die touchierte Seite) just wanted an apology and an acknowledgment of mistake, then I would ask why so many tweets? I can appreciate that not all 4,300 (odd) followers of his will see the one tweet (just like how I have been following Fahmi all this while and missed that alleged defamatory tweet), so maybe a few would be okay.“

In ein ähnliches Horn stößt die Huffington Post auch, wenn sie feststellt, dass Fahmi Fadzil wegen des Clients Hoot Suite, den er verwendet, wenigstens nicht jeden Entschuldigungstweet, ermüdende 140 Zeichen maximal immerhin, einzeln zu tippen braucht:

„It’s not clear whether part of the order was that he had to physically type each tweet each time, but I reckon at the very least he will be copying/pasting. If he’s really switched on, he will be using a third-party client such as HootSuite to schedule his posts over the three days, though it seems he will have to tweak each one ever so slightly as he’s numbering each one incrementally.“

Darum geht es aber gar nicht: Der beleidigende Tweet war zwar sozusagen in den hallengroßen Kneipsaal des (Verbindungs-) hauses hineingerufen geworden, und es ist nicht ganz klar, ob und wer ihn überhaupt zur Kenntnis genommen hat, aber alleine die Möglichkeit, dass er von den Followern Fahmi Fadzils (reden wir in diesem Vergleich ruhig von Verbindungsbrüdern, schließlich sind Follower und Following auch irgendwie miteinander verbunden) gelesen werden konnte, retweetet werden konnte und schließlich in der öffentlichen Timeline des Dienstes ebenso gelandet ist wie in Tweetaggregatoren, reicht für eine ordentliche Ehrverletzung aus. Und angesichts von 5.500 Followern des Malaysiers scheint die 100-fache Entschuldigung noch als am oberen Ende angemessen, um zu gewährleisten, dass jeder dieser Follower sie im Strom seiner Timeline hinreichend wahrscheinlich zur Kenntnis nehmen kann. Anders gesagt: Ein Entschuldigungstweet würde genauso untergehen wie der eine beleidigende.

Dass die Entschuldigung aufmerksam zur Kenntnis genommen wurde, daran dürften aber schon angesichts der enormen Öffentlichkeit, die der Fall in Malaysia -allerdings erst durch die Folgen des ursprünglichen Tweets- erfahren hat, kaum Zweifel aufkommen, ebenso wie daran, dass das kleinliche Vorgehen der beleidigten Seite in diesem Zusammenhang mehr PR-Schaden angerichtet haben dürfte als es Benefit einbrachte. Der Vorfall ist nämlich auch plastisches Beispiel dafür, dass Rechtsberatung in digitalen Rechtssachen auch PR und Krisenkommunikation mit- und vor allem vorausdenken muss, das hat der Kollege in Malaysia offenbar noch nicht erkannt. Aber das ist ein anderes Problem.

Kein reales Problem jedenfalls für Europa, anders mag dies leider in Malaysia aussehen, sind indes die Befürchtungen, die Christopher Tock auf spinzer.us in die Welt sendet: „First time witnessing a `community service sentence‚ on Twitter. (…) Will this be something common in future years?“. Nein, denn wie gesagt, die „Strafe“ ist Bestandteil eines zivilrechtlichen Vergleichs zur Beilegung eines Rechtsstreits und wird hoffentlich keine Schule machen, auch wenn er eine Lösung darstellt, die im Geiste verbindungsstudentischer Tradition zustandegekommen sein könnte: Entschuldigen und zurücknehmen, dann ist alles wieder gut, sonst fechten.

Der Daimler/Facebook-Vorfall vor kurzem (auch da war Abbitte zu leisten), nun die Posse in Malaysia: Alle lernen noch, mit Statusupdates und LikeButtons angemessen umzugehen. Dabei ist es doch gar nicht so schwer. Vielleicht könnte man es im Hinblick auf ehrverletzende Äußerungen so sagen: In Social Media äußert man lieber nichts, was man nicht auch durch ein Megaphon in den gut besuchten Kneipsaal eines Corpshauses hineinrufen würde. Es sei denn, man ist bereit, sich kleinlaut durch das Megaphon zu entschuldigen oder die Konsequenzen zu tragen. Es könnte aber auch gut vorkommen, dass die Gruppe die Beleidigung mit souveräner Gelassenheit lediglich zur Kenntnis nimmt, weil man ja schließlich nicht mit Kanonen auf Spatzen schießt. Damit rechnen sollte man allerdings nicht.

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