Aktuelle Schulverweise: Sex, Prügeleien und YouTube

Geschrieben von K. Kopp am . Gepostet in Digital.

In der kanadischen Provinz British Columbia, so ist auf futurezone.at zu lesen, wurde der 18-jährige Schüler Jack Christie von der Highschool suspendiert, weil er sich geweigert hatte, ein von ihm selbst produziertes Video bei YouTube wieder offline zu nehmen.

Der Cartoon war im Rahmen eines Schulprojekts entstanden und hat dem Schüler immerhin die Bestnote „A“ eingebracht. Der Cartoon nimmt aktuelle politische Themen kritisch unter die Lupe, thematisiert Sex und Rauschmittel und mutet, so futurezone, „bis auf einige Schimpfwörter und zugespitzte Dialoge eher wie eine brave Anlehnung an Serien wie South Park“ an. Dennoch hat die Leitung der Highschool es gar nicht gerne gesehen, dass das Video, für das der Schüler sogar die freundliche Unterstützung eines Lehrers als Synchronsprecher erhalten hatte, seine Verbreitung durch das Internet ungehindert fortsetzen konnte und forderte Jack Christie auf, es offline zu nehmen – auch nachdem von der Schulleitung veranlasste Ermittlungen wegen sog. Hate Crime eingestellt wurden, wie City News Toronto schreibt. Nachdem der Schüler sich weigerte, der Aufforderung zu entsprechen, wurde er bis auf weiteres vom Schulunterricht ausgeschlossen.

Dabei scheint die Schulleitung die Bedeutung der Meinungsfreiheit und Kunstfreiheit gänzlich außer acht gelassen haben; das eigentlich Interessante ist aber die Begründung. “If something is considered detrimental to the positive moral tone of the school, it doesn’t necessarily have to happen inside the school (for us to get involved),” wird eine Schulsprecherin von der kanadischen Zeitung The Globe and Mail zitiert. Schulmoral und Schulfriede contra Meinungsfreiheit und YouTube, auch wenn der vermeintliche Schülerrechtsbruch außerhalb der Schule passiert?

In diesem praktischen Spannungsfeld spielt auch eine aktuelle Entscheidung des VG Düsseldorf (18 L 669/11): Ein Schüler hatte mit seinem Mobiltelefon eine vor der Schule stattfindende Schlägerei zwischen zwei Mitschülern gefilmt und das Video anschließend auf Facebook veröffentlicht. Die Schlägerei fand einvernehmlich statt und wurde geradezu für die Kamera inszeniert: Die Kontrahenten hatten jeweils einen Sekundanten, zum Ort der Persönlichen Contrahage bestimmte die Gruppe -es hatten sich, so die Feststellungen des Gerichts, etwa 30 Schüler als Spektanten eingefunden- eine Brücke nahe der Schule.

Der Schüler, der das Video ins Netz gestellt hatte, wurde daraufhin für zwei Wochen vom Unterricht ausgeschlossen und darüber hinaus von der Schule entlassen. Eine Maßnahme, die nun vom VG Düsseldorf im Wege des einstweiligen Rechtsschutzes kassiert wurde. Es sei nicht zweifelhaft, dass der Schüler dadurch, dass er die Schlägerei gefilmt und anschließend auf seinem Facebook-Konto veröffentlicht habe, die ihm als Schüler obliegende Pflicht, daran mitzuarbeiten, dass die Aufgabe der Schule erfüllt und das Bildungsziel erreicht werden könne, verletzt habe. Eine wesentliche Aufgabe der Schule bestehe darin, Achtung vor der Würde des Menschen und Bereitschaft zum sozialen Handeln zu wecken. Bei der Verbreitung gewalttätiger Auseinandersetzung zwischen Schülern handle es sich um ein Verhalten, das gewalttätigen Auseinandersetzungen eine Plattform biete, auf diese Weise der Selbstinszenierung der beteiligten Schüler in der Öffentlichkeit Vorschub leiste und damit dem schulischem Erziehungsziel zuwider laufe. Nachvollziehbar.

Weiter argumentiert das Gericht aber ähnlich wie die kanadische Schulsprecherin, wenn sie von „positive moral tone“ spricht: „Ein solches Fehlverhalten des Antragstellers (Anm.: des Schülers, der das Video ins Netz stellte) weist entgegen seiner Ansicht auch den notwendigen Schulbezug auf. Es wirkte unmittelbar in den schulischen Bereich hinein, weil (…) das Video über „Freundeslisten“ in Facebook einer weiteren Schüleröffentlichkeit zugänglich gemacht und (…) auf diese Weise zum Gegenstand von den Schulfrieden tangierenden Diskussionen innerhalb der Schülerschaft wurde. Der Antragsgegner war daher berechtigt, (…) den Antragsteller für zwei Wochen vom Unterricht auszuschließen.“

Die darüber hinaus beschlossene Entlassung von der Schule hält das Gericht demgegenüber für unverhältnismäßig. Sie stehe in keinem ausgewogenen Verhältnis zum objektiven Schweregrad des Fehlverhaltens. Vor diesem Hintergrund spreche nach Auffassung des Gerichts vieles dafür, dass der vorübergehende Ausschluss vom Unterricht ausreichte, um dem Schüler die Sozialschädlichkeit seines Verhaltens deutlich vor Augen zu führen.

Beide aktuelle Ereignisse stehen exemplarisch dafür, wie Social Media, YouTube und die Tatsache, dass heutzutage jeder Schüler mit Smartphone zum Videoproduzenten werden kann, in den Schulalltag hineinwirken. Also gilt es, diejenigen, die ein Leben ohne diese technisch-kulturellen Errungenschaften gar nicht kennen, Kinder und Jugendliche nämlich, zur Umsicht und zum Nachdenken anzuregen: Meinungsfreiheit und Kunstfreiheit ja, Aufnahmen von Gewalt nein. Und zu beachten gilt außerdem: Privatheit gibt es fast nicht mehr und nach der Schule ist vor der Schule. Wenn durch Facebook oder YouTube eine erweiterte Schüleröffentlichkeit hergestellt wird, kann ein unbedachtes Posting zu unangenehmen Folgen wie einem Schulverweis führen.

Dass darüber hinaus Nachdenken und von Meinungsfreiheit und Kunstfreiheit veranlasste Beiträge wie der des kanadischen Schülers bisweilen auch sanktioniert werden, ist zwar bedauerlich, aber das wird der kanadische Rechtsstaat schon richten. Der Schüler Jack Christie hat übrigens Glück gehabt: Sein Vater ist Rechtsanwalt.

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