Webdesigner, Webentwickler, Programmierer: Gewerbe oder Freier Beruf?

Geschrieben von K. Kopp am . Gepostet in Analog, Digital.

Manchmal entscheiden Feinheiten. In einem Gründerseminar für die IT-Branche versammelten sich dieser Tage Webdesigner, Programmierer, Softwareentwickler, Webdeveloper, Multimedia-Programmierer, Webprogrammierer und Entwickler von webbasierten Softwarelösungen, ohne dass die ohnehin schon verwirrende Aufzählung Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Die Grenzen zwischen den Berufen sind mitunter fließend, ist doch alles irgendwie dasselbe, mag man daher meinen.

Dem ist aber nicht so, meint zumindest das Finanzamt, wenn es festzustellen gilt, ob das konkrete Gründungsvorhaben gewerblicher oder freiberuflicher Art ist. Dabei legt es im Interesse des Steueraufkommens die Maßstäbe recht streng an, denn derjenige, der einen Gewerbebetrieb unterhält, hat dieses Gewerbe anzuzeigen, wenn nicht gar eine besondere Erlaubnis einzuholen. Er wird dadurch gewerbesteuerpflichtig und Pflichtmitglied in der Industrie- und Handelskammer. Der Freiberufler hingegen braucht kein Gewerbe anzuzeigen und unterliegt daher nicht der Gewerbesteuerpflicht. Er wird gegebenenfalls lediglich Pflichtmitglied in einer berufsständischen Kammer. Aber was sind eigentlich Freie Berufe?

Hier hilft ein Blick in das Gesetz: „Die Freien Berufe haben im allgemeinen auf der Grundlage besonderer beruflicher Qualifikation oder schöpferischer Begabung die persönliche, eigenverantwortliche und fachlich unabhängige Erbringung von Dienstleistungen höherer Art im Interesse der Auftraggeber und der Allgemeinheit zum Inhalt“, so § 1 Abs. 2 S. 1 PartGG.

Welcher Beruf tatsächlich zu den Freien Berufen gehört, ist nicht immer leicht festzustellen. Daher konkretisiert § 18 Abs. 1 Nr. 1 EStG und bildet drei Fallgruppen: Dies sind zum einen die Katalogberufe, hierunter fallen Heilberufe, rechts-, steuer- und wirtschaftsberatende Berufe, naturwissenschaftlich-technische Berufe sowie Sprach- und informationsvermittelnde Berufe. Die zweite Fallgruppe der Freien Berufe bilden die sog. ähnlichen Berufe. Entscheidend dabei ist: Die Ausbildung und die konkrete berufliche Tätigkeit muss mit einem Katalogberuf vergleichbar sein. Vergleichbar heißt in diesem Zusammenhang auch, dass dann, wenn für die Ausübung eines Katalogberufes eine amtliche Erlaubnis erforderlich ist, diese Anforderung auch für den ähnlichen Beruf gilt. Zu den freien Berufe zählen drittens auch die sogenannten Tätigkeitsberufe, nämlich selbständig ausgeübte wissenschaftliche, künstlerische, schriftstellerische, unterrichtende oder erzieherische Tätigkeiten. Schnell wird dabei klar, dass eine Zuordnung zu den freien Berufen jedenfalls dann nur nach Einzelfallprüfung möglich ist, wenn es sich um keinen Katalogberuf handelt.

Wie sieht es aus mit dem Programmierer? Ein der Ingenieurstätigkeit ähnlicher Beruf, könnte man sagen, denn methodisch unterscheiden sich die beiden Berufe nicht voneinander. In beiden Fällen geht es darum, projektmäßig zu planen, zu konstruieren und zu überwachen. Ähnliches könnte für den Webentwickler gelten. Und der Webdesigner? Künstler, ganz klar, könnte man meinen. Aber weit gefehlt, wie wir sehen werden.

Programmierer

Am Beispiel des Berufs des Programmierers lässt sich ganz gut zeigen, dass die Abgrenzung zwischen freiberuflicher und gewerblicher Tätigkeit dort, wo nicht die im Gesetz ausdrücklich genannten Katalogberufe betroffen sind, in der Praxis oft sehr strittig ist. Nach einer Entscheidung des Bayerischen Obersten Landesgerichtes (BayObLG; BB 2002, S. 853 (854)) kann die Tätigkeit des (freien) Programmieres regelmäßig nicht zu den sogenannten katalogähnlichen freien Berufen gezählt werden, wenn er Anwendungen schreibt, die vermarktet werden. Der Begriff der freien Berufe sei nämlich grundsätzlich eng auszulegen:

„Letztlich (ist) die Verkehrsanschauung für die Einordnung maßgeblich. Neuere Tendenzen gehen dahin, den Kreis der freien Berufe eher eng zu ziehen und alle Tätigkeiten im Zweifel als gewerblich anzusehen, die nicht im Bereich der klassischen, historisch überlieferten, in der Regel durch besondere Berufsordnungen geregelten freien Berufe angehören bzw. in ihrer unmittelbaren Nähe anzusiedeln sind oder nicht eindeutig durch eine individuelle, künstlerische oder wissenschaftliche Leistung geprägt sind. (…) Die Software-Entwicklung ist gewerblich, vor allem, wenn die Software auch vermarktet wird.“

Der Bundesfinanzhof (BFH) sieht das in einem Urteil vom 04.05.2004 (XI R 9/03, Urteil) aber anders: Programmierer können hiernach freiberuflich tätig sein, solange sie keine Trivialsoftware herstellen. Der BGH gab in dem Urteil damit die frühere Trennung zwischen Systemsoftware und Anwendungssoftware, die sich in der Praxis als problematisch erwiesen hatte, auf. Nicht jede Tätigkeit im Bereich der Entwicklung von Anwendersoftware ist allerdings auch nach dem Urteil als eine freiberufliche i. S. des § 18 Abs. 1 Nr. 1 EStG einzuordnen. Das Gericht setzt vielmehr voraus, dass der Steuerpflichtige qualifizierte Software durch eine klassische ingenieurmäßige Vorgehensweise (Planung, Konstruktion und Überwachung) entwickelt. Eindeutig ist aber damit auch nach dem Urteil nicht immer festzustellen, ob es sich bei der konkreten Tätigkeit um einen freien Beruf handelt oder nicht, denn: Was genau ist Trivialsoftware und wie ist der Nachweis des ingenieursmäßigen Vorgehens zu erbringen?

Webentwickler / Webdeveloper

Können Programmierer noch auf das Wohlwollen des Finanzamts hoffen, wird die Tätigkeit des Webentwicklers in der Praxis durchweg als gewerblich eingeordnet.

Ähnlich wie Programmierer sind Webentwickler / Webdeveloper aber damit befasst, zu entwickeln und zu programmieren. Sie erstellen Websites bzw. Webmodule mithilfe von Programmiersprachen und Autoren- und Redaktionssystemen, so dass sich zwar Überschneidungen mit der klassischen Softwareprogrammierung nur selten ergeben werden. Allerdings müssen sich Webentwickler mit grafischen Layouts auskennen und die wichtigsten Programmierwerkzeuge beherrschen, unabhängig davon, ob sie ein Informatik-Studium oder eine Ausbildung in einem IT-Beruf absolviert haben.

Die Entwicklung von Websites stellt daher eine Tätigkeit dar, die den Anwender bei der Ausführung seiner Aufgaben unterstützt und ihm dadurch erst den eigentlichen, unmittelbaren Nutzen des Internet ermöglicht und sollte daher nach hiesiger Auffassung im Hinblick auf die in Frage stehende Freiberuflichkeit nach den oben skizzierten Grundsätzen behandelt werden, die für Programmierer gelten, jedenfalls dann, wenn es sich um projektmäßiges Vorgehen handelt und die Grenze zur Trivialität nicht unterschritten wurde.

Webdesigner

Wie die meisten Berufe im Zusammenhang mit dem Internet ist auch der des Webdesigners insbesondere wegen seiner Überschneidung mit ergänzenden Berufen nur schwer zu fassen. Webdesigner sind verantwortlich für Konzeption, Gestaltung und praktische Umsetzung von Websites. Das setzt zum einen Geschmackssicherheit voraus, zum anderen technisches Verständnis, ohne das die Ideen zielgruppengerecht nicht umzusetzen sind. Die benötigten Kenntnisse sind internetspezifisch und umfassen neben etwa HTML, CSS, Javascript, Flash, Java, ASP uns PHP auch Bildbearbeitungs- und Grafiksoftware.

Webdesigner werden aber von den Finanzämtern als Gewerbetreibende behandelt und nicht als Freiberufler; dem Finanzamt genügt der künstlerische Anspruch des Berufes nicht, so dass ein Tätigkeitsberuf im rechtlichen Sinne nicht vorliegen kann. Im Einzelfall kann diese Einschätzung nach hiesiger Auffassung aber zu Unrecht erfolgt sein.

Das Berufsbild des Webdesigners ist nämlich durch eine eigenschöpferisch-gestalterische, technische Leistung geprägt, deren Ergebnis in Form der Website dem Werk von Grafikdesignern vergleichbar ist, jedenfalls dann, wenn dem Werk eine gewisse Schöpfungshöhe beigemessen werden kann und es sich nicht etwa darauf beschränkt, ein vorgefertigtes Template lediglich anzupassen. Hierfür spricht auch, dass der Beruf des Webdesigners ebenso wie der des Designers von gelernten Fachleuten genauso ausgeübt werden kann wie von Autodidakten. Nur nebenbei bemerkt: Webdesigner werden von der Künstlersozialkasse als Mitglieder aufgenommen.

Festzuhalten bleibt, dass gute Gründe gegen die gegenwärtige Rechtspraxis bestehen und wegen der fließenden Übergänge zwischen den einzelnen Berufen eine treffsichere Einordnung immer schwieriger wird. Jedenfalls sind die Entscheidungen der Finanzämter im Hinblick auf die Einordnung einer Tätigkeit als freiberufliche oft undurchsichtig, so dass es auch in Zukunft an Urteilen der Finanzgerichte zu diesem Thema nicht mangeln wird.

Wenn es aber gar nicht so sehr um höchstpersönlich zu erbringende Leistungen des konkreten (freien) Programmierers, Entwicklers oder Designers geht, sondern um sachbezogene Leistungen der Softwarefirma oder des Designbüros und die Entwicklung industrielle Ausmaße erreicht hat, wird man nur schwer Argumente für eine Einordnung als freiberufliche Tätigkeit finden können, gerade wenn die Leistungsverwertung im Vordergrund steht. Kapitalgesellschaften wie AG und GmbH sind daher kraft ihrer Rechtsform Gewerbebetriebe (§ 2 Abs. 2 GewStG). Anders sieht die Sache hingegen aus bei Gesellschaften bürgerlichen Rechts oder Partnerschaftsgesellschaften.

Lesen Sie auch Teil II dieser zweiteiligen Artikelserie.

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Kommentare (4)

  • noRiddle

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    Was für ein Wirrwarr und sehr deutsch obendrein.
    Wenn man also so von der willkürlichen Entscheidung gewisser Behörden abhängt (oder auch von Richtern, die ja völlig frei in Ihren Entscheidungen sind), kann man sich doch ausrechnen, daß im Zweifel für mehr Steuereinnahmen entschieden wird.

    Danke für diesen informativen Blog, by the way,
    noRiddle

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  • JayBeeDee

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    Ich stelle einmal (quasi als Frage) die ketzerische Aussage in den Raum: Einen sog. „Webdesigner“ gibt es nur aus steuertechnischen Gründen.

    Ich kenne es so:
    – Entweder die Person ist Grafikdesigner, und hat sich für das Web spezialisiert, denn die Gestaltung einer Website ist Unterelement des optischen Designkonzepts einer Kampagne oder des Corporate Designs einer Firma, und er muss Usability, SEO und WAI so unterbringen, dass kein optischer Einheitsbrei bei herauskommmt. Ästhetisches Empfinden und eigenständige Fähigkeiten zur Gestaltung gehören immer dazu.
    Top-Designer haben sich weitergebildet, und sind, spätestens seit Flash, auch in Programmierprozesse mit einbezogen.

    – Oder die Person ist Webentwickler und beherrscht die elementaren Satz- und Programmiersprachen sowie Datenbankentwicklung. Natürlich verwendet er ein CMS als Framework; ein Maler braucht ja auch einen Pinsel und die wenigsten Maler binden sich selber einen. Und bei einem größeren Projekt kommt er um Plug-In- oder Extensionprogrammierung nicht drumherum.
    Ein talentierter Webentwickler beherrscht auch die Designgrundsätze für den Web-Bereich, und muss auch im Rahmen der Designvorlagen selbst gestalten können, damit eine Site skalierbar bleibt oder die Bannerwerbung, die er selbst zusammenschustern muss, „schön knallt, aber nicht zu laut“. Ein Webentwickler, der Photoshop und Illustrator nicht leidlich beherrscht, ist mir noch nicht untergekommen.

    Was spezifiziert also nun „Webdesigner“ – Designer, die kein Plakat oder Briefpapier entwerfen können, wenn der von der Site begeisterte Kunde zurückkommt oder Entwickler, die sich als Gestalter tarnen?

    Ich hoffe, ich kränke hier keinen Webdesigner in seiner Berufsehre…
    -JayBeeDee-

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  • Der Fachidiot

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    Es ist kompliziert und wird immer kompliziert bleiben. Die richtigen Programmierer sind eh Fachidioten. Dazu bekenne ich mich. Manche meiner Ideen könnten die Welt verändern. Wenn ein Fachidiot niemals das System verstehen kann und dadurch klein gehalten wird (wie so viele), ist es den oberen 10000 natürlich recht so. Ideen müssen nämlich umgesetzt werden und durch das System fehlt einem manchmal die Kraft, der Mut oder einfach die Hoffnung es zu schaffen.

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  • Juri Sinitson

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    Die größte Teil meiner selbständigen Tätigkeit ist Webentwicklung mit dem o.g. Werkzeugen. Webdesign gehört aber auch dazu.

    Ich habe Gewerbe angemeldet und wie der Artikel zeigt, war es eine richtige Entscheidung, um u.U. Gerichtsprozesse mit dem Finanzamt zu vermeiden.

    Ich glaube, als Freiberufler kann sich nur derjenige erklären, der da auch eindeutig und 100% gehört und nicht etwa halbwegs und teilweise per Überschneidung oder so. Sonst gibt es immer wieder Probleme mit Finanzamt. Ist leider so.

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